Der Köfte-Mann

Die Geschichte von einer kleinen Erholungsfahrt zwischendurch und dem köstlichsten Köfte-Brot, das ich je gegessen habe.

köfteVor ziemlich genau 15 Jahren flog ich zum ersten Mal nach Istanbul. Eine Woche lang erkundete ich mit meinem Mann dessen Heimatstadt. Ich machte Bekanntschaft mit der Familie, der Sprache, der Kultur und der wunderbaren Atmosphäre, die dieser Ort ausstrahlt.

An einem Tag fuhren wir mit der Fähre zur Heybeliada, der zweitgrößten Insel der Prinzeninseln.Mit dem Schiff dauert es vom europäischen Festland aus etwa eineinhalb Stunden bis zu den Inseln, einem beliebten Ausflugsziel, denn dort scheint die Zeit stillzustehen. Es gibt zahlreiche, mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Holzhäuser, kleine Gassen, viel Natur und keine Autos. Wer die Insel erkunden möchte, der muss das per Fahrrad oder Pferdekutsche tun.

An diesem Tag war es sehr heiß und wir wollten gerne an einen der kleinen Strände. Ob man im Marmarameer nun wirklich noch baden möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Sauberer als direkt vor der Stadt ist es auf den Inseln schon, aber ob wirklich badetauglich, das kann ich nicht beschwören.

Der Kutscher fuhr uns zur anderen Seite der Insel. Oben auf einem Hügel steht ein altes Sanatorium, am Fuße des Hügels befindet sich ein Badestrand. Der Strand sei sehr schön und ruhig und er würde uns in drei Stunden wieder abholen. Mit diesen Worten ließ uns der Kutscher stehen, fernab vom Dorf, mitten in der Pampa. So blieb uns nichts anderes übrig, als den Strand aufzusuchen, unser Handtuch auszubreiten und die Sonne, den Duft der Pinien und das Plätschern des Wassers zu genießen. Es gab noch ein paar weitere Badegäste, zumeist Familien oder Jugendliche, denen die Wasserqualität herzlich egal schien.

Es war ein netter Nachmittag, wir erholten uns vom Trubel der Großstadt und zu gegebener Zeit gingen wir zum Treffpunkt in der Hoffnung, der Kutscher möge sein Versprechen halten, denn wir wollten die letzte Fähre nicht verpassen und auf der Insel übernachten müssen.

Wir warteten unter einem großen Baum, der majestätisch, aber irgendwie verloren an der Straße stand. Der Baum spendete den dringend benötigten Schatten, den wir mit dem Köfte-Mann teilten. Der ältere Herr hatte unter dem Baum seinen Köftestand aufgebaut – ein alter Handkarren mit einem Holzgrill und was man sonst noch so zur Zubereitung braucht. Es duftete köstlich. Und wir hatten Hunger.

Liebevoll legte er die typischen, kleinen Hackfleischbällchen auf den Grill, die vermutlich seine Frau zu Hause vorbereitet hatte. Es brutzelte und duftete und schließlich nahm er ein großes Stück Weißbrot, schnitt es auf und stopfte mehrere der saftigen Köfte hinein. Dazu schnitt er nach Wunsch eine höchst aromatische Tomate und eine Zwiebel auf, die sich dann zu den Köfte im Brot gesellten. Noch eine Brise Salz darüber, fertig war das köstlichste Köfte-Brot, das ich je gegessen habe.

Vielleicht war es gar nicht so köstlich. Vielleicht erscheint es mir in meiner Erinnerung nur so. Aber die Umgebung, die Einsamkeit des Ortes und die liebevolle Art, mit der der Köfte-Mann seine Arbeit verrichtete und dabei mit nicht mehr ganz lückenfreiem Lächeln von seiner Familie erzählte und über das Leben philosophierte, machten dieses Essen zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Ob der Köfte-Mann immer noch seine leckeren Fleischbällchen unter dem großen Baum auf der Insel verkauft? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Denn die Straßenverkäufer, die sich mit diesen Köstlichkeiten ein paar Lira dazuverdienen, erscheinen zwar zeitlos und schon immer da gewesen zu sein, aber sie werden trotzdem seltener.

Schade.

 

Foto: © Hakansenturk2005 | Dreamstime Stock Photos & Stock Free Images

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