90 Jahre Türkei

Am 29. Oktober 1923 ließ Atatürk die türkische Republik ausrufen, das osmanische Reich fand sein Ende. Das Land blickt heute zurück auf 90 Jahre mit Höhen und Tiefen, Licht und leider auch viel Schatten.

Atatürk-Flagge am KulturzentrumDie Freude am Feiern lassen sich die Türken so schnell nicht nehmen. Heute geht es um ihre Türkei, ihr Land, auf das sie stolz sind, allen Meinungsverschiedenheiten und den tiefen Gräben, die sich durch die Bevölkerung ziehen, zum Trotz. Rot-weiß ist die vorherrschende Farbe in diesen Tagen in Istanbul. Flaggen in allen Größen wehen von Häusern, in Schaufenstern, an den Schiffen und über die Straßen hinweg. Atatürk ist allgegenwärtig. Immer noch.

Seit 90 Jahren befindet sich dieses Land auf einer Reise, einer kurvenreichen. Es ist mal nach rechts, mal nach links abgebogen, hat den demokratischen Pfad aber nie wirklich verlassen. Bisher zumindest. Atatürk wollte das Land modernisieren, gab den Frauen sehr früh viel Bildung und viele Rechte, von denen ihre Genossinnen im Westen noch lange träumen sollten. Er versuchte, die Religion in sehr enge Bahnen zu lenken und die Türken bei allen ethnischen und religiösen Unterschieden zu einem geeinten Volk zu machen. Leider nicht immer mit verhältnismäßigen Mitteln.

Und der türkische Ministerpräsident Erdoğan treibt diese Modernisierung seit 10 Jahren mit einem Tempo voran, dass einem schwindelig wird.

So wird heute, an einem geschichtsträchtigen Tag, der lange geplante Tunnel Marmaray unter dem Marmarameer eröffnet, der erstmals eine direkte Zugverbindung zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil des Landes ermöglicht. Ein Mammutprojekt, von dem die osmanischen Herrscher schon vor 150 Jahren träumten. Heute ist es Wirklichkeit. Daher werden zur Eröffnung auch alle Politiker mit Rang und Namen erwartet, auch viele ausländische Gäste haben sich angesagt. Ein großer Tag für die Türkei. Ein sehr wichtiger Tag für Erdoğan.

Denn bei aller Modernisierungswut, dreht Erdoğans Partei, die AKP, in Sachen Religion das Geschichtsrad ein wenig zurück. In vielen Bereichen kann man beobachten, wie die Religion an Stärke und Einfluss zunimmt. Kein Wunder, dass die Spannungen in der Gesellschaft größer werden und die Proteste gegen die Regierung lauter. Die Gezi-Bewegung hat zwar an Schärfe verloren, doch sie ist nicht stiller geworden. Für den heutigen Tag sind viele Demonstrationen angekündigt, hoffentlich verlaufen sie friedlich.

Taksimplatz mit rot-weißem FlaggenschmuckPolitischer will ich an dieser Stelle gar nicht werden. Ich bin nicht qualifiziert genug, um tiefergehende Analysen zu betreiben. Es ist nur mein ganz persönlicher Eindruck, den ich hier schildere. Und wohin die Reise gehen wird, das steht in den Sternen. Ich wünsche der Türkei heute einfach nur alles Gute.

Cumhurriyet bayramınız kutlu olsun!

Fotos: ©Katja Tongucer

 

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1 Kommentar zu 90 Jahre Türkei

  1. Tesekkürler , Katja!:)

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