Auch das ist Istanbul

Der Bürgerkrieg in Syrien zeigt seine hässliche Fratze auch in Istanbuls Straßen. Nicht alle Flüchtlingsfamilien leben in den bereitgestellten Lagern.

Syrische Flüchtlinge in der TürkeiMan braucht nur einmal falsch abzubiegen auf dem Weg zwischen Gedecktem Basar und dem beliebten Vefa-Bozacısı – und schon befindet man sich mittendrin im Elend, das der Bürgerkrieg in Syrien verursacht. In abbruchreifen Häusern ohne Strom, Wasser und Heizung leben zahlreiche syrische Flüchtlinge, Familien mit Kindern, unter ärmlichsten Bedingungen. Viele der Kinder sind krank, leiden bei der derzeitigen Kälte an Bronchitis, wenn nicht an Schlimmerem.

Im Sommer schlugen viele der syrischen Flüchtlinge ihre Lager in den kleinen Parks in der Istanbuler Innenstadt auf. Bis zum Wintereinbruch harrten sie dort aus und suchten danach Schutz in den Abbruchhäusern wie hier im Istanbuler Stadtteil Fatih.

Syrische Flüchtlinge in der Türkei

Die Familien haben die bereitgestellten Flüchtlingsunterkünfte verlassen oder sind nicht einmal als Bürgerkriegsflüchtlinge registriert. Die Väter suchen täglich nach Arbeit, werden als Tagelöhner beschäftigt, meist zu einem Drittel des üblichen Lohns, illegal, ohne Versicherung. Die Kinder haben sich abgeschaut, was die ärmsten Bewohner Istanbuls schon seit Jahren tun: sie verkaufen Taschentücher päckchenweise an die Autofahrer, die wartend an der Ampel stehen. Oder sie betteln.

Langeweile und Angst

Flüchtlingsunterkunft in IstanbulDoch warum nehmen sie die Hilfe des türkischen Staates nicht an und gehen in die Flüchtlingscamps, wo wenigstens Unterkunft, Nahrung und medizinische Versorgung sichergestellt werden? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Manche Familienväter sind es leid, herumzusitzen und nicht arbeiten zu dürfen. Sie versprechen sich mehr davon, das Lager zu verlassen und selbst für sich und ihre Familien zu sorgen. Aber viele Familien meiden die Unterkünfte für die syrischen Flüchtlinge, weil sie Alawiten, Turkmenen, Kurden oder Christen sind und Angst haben vor Repressalien durch die in der Mehrzahl sunnitischen Bewohner in den Lagern. Davon abgesehen sind die Lager für die syrischen Flüchtlinge in der Türkei hoffnungslos überfüllt.

Seit Ausbruch des Bürgerkriegs wurden allein in der Türkei über 600.000 Flüchtlinge registriert, fast die Hälfte davon sind Kinder. Schätzungen zufolge sind es aber fast doppelt so viele Flüchtlinge aus Syrien, die unbemerkt über die Grenze kommen. Allein in Istanbul sollen es 200.000 sein. Und täglich werden es mehr.

Türkische Gastfreundschaft

syrisches Flüchtlingskind in IstanbulDer türkische Staat hat viel geleistet, um diese Menschen zu beherbergen, die Flüchtlingslager sind gut ausgestattet, aber die Kapazitäten sind begrenzt und reichen bei Weitem nicht aus. Die Gastfreundschaft der Türken ist bekannt und auch hier zeigt sich ihr großes Herz. So organisieren sich zum Beispiel Nachbarn über eine Facebook-Seite, um den Flüchtlingen in den Istanbuler Parks zu helfen. Hilfsorganisationen wie die Caritas tun ihr Bestes, um den Syrern Hilfe zu leisten. Viele Türken geben syrischen Flüchtlingen Arbeit und Unterkunft. Doch die Not ist groß. Zu groß. Und wie immer sind die Kinder die Hauptleidtragenden.

Wer in Istanbul lebt und helfen möchte, der kann Spenden bei der Caritas abgeben. Gebraucht werden neben Geldspenden vor allem warme Kleidung und Schuhe für Kinder, Frauen und Männer, Decken, Haushaltswaren, Hygieneartikel.

Adresse

Caritas
Harbiye Cayiri sok 64
Elmadağ 80230
Istanbul

Tel: +90 212 23 44 564 oder +90 212 24 08 801
Fax: +90 212 23 31 193

geöffnet täglich zwischen 9:00 und 11:00 Uhr

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Fotos mit freundlicher Genehmigung von Nathalie Bevernaegie

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1 Kommentar zu Auch das ist Istanbul

  1. Melanie Bürck // 30. Mai 2015 um 23:42 // Antworten

    Vielen Dank für die wertvollen Infos.
    Mein Murtterherz leidet so sehr, wenn ich die weinenden, schreienden Kinder auf der Straße sehe. Es ist schön, dass die Türken so gastfreundlich sind. Aber es reicht nicht! Wir alle müssen mithelfen!!!!!!!

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