Sei wie ein zersprungener Krug

Über die türkische Gesellschaft und was geschah, als Gezi passierte.
Übersetzung aus dem Englischen, Original von Judith Liberman.

Graffiti Diren IstanbulAls ich vor 10 Jahren in die Türkei zog, nachdem ich den größten Teil meines Lebens in Frankreich und den USA verbracht hatte, berührte es mich zu erleben, wie lebendig die Kultur des Gebens in diesem Land noch war. Um zu erklären, was ich damals sah, erzähle ich gerne die folgende Geschichte:

„Es war einmal ein Wasserträger, der, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, jeden Tag Wasser von einem enfernten Fluss in die Stadt trug, in der er lebte. Dazu benutzte er zwei Tonkrüge. Sie hingen an den beiden Enden einer Stange, die er auf seinen Schultern balancierte. Einer der Krüge war leuchtend rot, glatt und vollkommen wasserdicht. Doch der andere war alt, farblos und ein bisschen zersprungen, ja, es tropfte sogar ein wenig Wasser daraus auf den Weg. Der Krug wurde jeden Tag ein bisschen poröser, tröpfelte mehr und mehr, bis er schließlich bei der Ankunft in der Stadt nur noch die Hälfte seines Inhalts hatte bewahren können. Der Krug schämte sich sehr und weil er seine Scham irgendwann nicht mehr aushielt, sagte er zum Wasserträger: „Herr, bitte zerbrich mich! Wirf mich weg! Schaff mich aus der Welt! Ich kann dieses Elend nicht länger ertragen. Ich kann das Wasser nicht mehr bewahren und meine Unvollkommenheit zwingt dich dazu, doppelt so hart zu arbeiten. Du kannst mich ersetzen und einen effizienteren Krug besorgen. So wirst du mit weniger Arbeit mehr verdienen … bitte, erlöse uns von diesem Elend.“

„Oh“, antwortete der Wasserträger, „so denkst du über dich? Dann lass mich dir auf dem Rückweg vom Fluss morgen bitte etwas zeigen.“

Am nächsten Tag, nachdem er beide Krüge gefüllt und den einen auf die rechte und den zersprungenen Krug – so wie immer – auf die linke Seite der Stange gehängt hatte, zeigte der Wasserträger auf die rechte Seite des Weges und sagte: „Sag mir, was du siehst!“ Der Krug antwortete: „Ich sehe Schmutz, ich sehe Steine und Staub.“ Als der Wasserträger das hörte, zeigte er auf die linke Seite der Straße und fragte: „Was siehst du auf dieser Seite?“ „Oh, dort sehe ich Wiese, Gräser und wilde Blumen.“ „Ja“, antwortete der Wasserträger. „Das ist die Schönheit, die du geschaffen hast, indem du jeden Tag ein kleines bisschen deines Wassers neben den Weg tropfen ließest. Du hast den Durst der Erde gelöscht, du hast die schlafenden Samen aufgeweckt und die Blüten genährt. Und jede Woche pflücke ich ein paar Blumen von dieser Seite des Weges, bringe sie meiner Frau, um ihr zu sagen, dass mich diese Schönheit an die Schönheit erinnert, die sie in mein Leben bringt … Und deshalb ist in meinem Haus so viel Lachen. Ja, zersprungener Krug, du bist vielleicht nicht effizient, aber indem du wahllos dein Wasser mit der Erde teiltst, nährst du dieses Land, das wir alle bewohnen.“

Als ich in die Türkei zog, gab es natürlich keine Wasserträger, aber in meinen europäischen Augen gab es viele „zersprungene Krüge“. Die Menschen verteilten immerzu tröpfchenweise Zeit und Geld und versuchten nicht, es zu verhindern, sie gaben großzügig und ernährten damit ihre Umgebung und die Gesellschaft. Wenn jemand ohne Fahrkarte mit dem Bus fahren musste, gab es immer jemanden, der mit der eigenen Magnetkarte einsprang, ohne Geld als Gegenleistung dafür anzunehmen. Man nahm sich Zeit, um bei Notfällen oder Krankheiten zu helfen, aber auch um zu feiern, ein Schwätzchen zu halten, sich kennen zu lernen, Verbindungen zu knüpfen, füreinander da zu sein, gemeinsam. An Straßenecken standen Plastikstühle, wo Nachbarn sich treffen konnten, Sonnenblumenkerne aßen und Tee tranken. Und wenn jemand für eine Operation eine Blutspende benötigte, wurde ich Zeuge, wie in der Nachbarschaft ein gut geöltes System zur Unterstützung auf ganz natürliche Weise die Hilfe dirigierte, mit einer Effizienz, von der ein hierarchisches System nur träumen konnte.

Da ich einer Kultur entstamme, in der Stunden, Minuten und Sekunden gemessen und aufgeteilt wurden, in der man immer versuchte, so viel wie möglich zu schaffen, zu sehen, ob man nicht noch eine zusätzliche Yoga-Stunde zwischen Arbeit und nächste Besprechung quetschen könnte, war diese pure Großzügigkeit, mit der die Menschen ihre Zeit und Ressourcen anboten, ein erfreulicher, wenn auch manchmal herausfordernder Kulturschock.

Diese Kultur der „zersprungenden Krüge“, in der man locker genug Buch führte, um zufällige Taten der Großzügigkeit zu erlauben, und in der jede Zeitplanung über den Haufen geworfen wurde, wenn man gebraucht wurde, war eine Schule der Lebensführung, die mich manchmal an meine Grenzen brachte, indem sie mir einen Spiegel vorhielt, in dem ich erkannte, wie konservativ ich geprägt war, wenn es darum ging der Gesellschaft Zeit und Geld zu schenken. Ich verstand, dass ein Geschenk Flexibilität erforderte, die Bereitschaft Zeit in eine gute Nachbarschaft zu investieren, die gegensätzlich zu jeglicher Zeiteffizienz und Verlässlichkeit von Zusagen funktionierte, die ich gewohnt war.

Verbindungen waren entscheidend. Aber jede Art von Verbindung funktionierte, egal wie entfernt. Man brauchte nur von der Verbindung zu wissen. Einmal half mir ein Mann, der einen Laden in dem Gebäude besaß, in dem der Sohn eines anderen Mannes arbeitete, der Tee an der Universität servierte, wo die Mutter meines Freundes lehrte. Er half mir, weil wir „verbunden“ waren. Da verstand ich, dass das Konzept, dass wir alle über 6 Ecken miteinander verbunden sind, im Westen nur ein wunderliches, kleines Konzept ist, während es im Osten das Prinzip ist, mit dem die Gesellschaft funktionierte und Geschenke austauschte. Es war kein Dieses-gegen-Jenes-Austausch, sondern ein konstantes Angebot mit dem Wissen, dass jedes Geschenk das weitläufige Netzwerk stärker und ergiebiger machte.

Es gab Schlüsselrollen. Der Tee-Mann (çaycı) oder der Obst- und Gemüsehändler (bakal), zum Beispiel, waren Katalysatoren für Verbindungen und Nachbarschaft, sie erfuhren von allen Bedürfnissen, Rollen und Geschenken und konnten uns immer mit genau dem Nachbarn zusammenbringen, den wir in der weitläufigeren Gesellschaft brauchten. Das bedeutete in einer überfüllten Stadt, dass man eine unfassbare Menge an Informationen und Details über das Leben aller anderen kennen und dirigieren musste. Als meine Katze eine Operation brauchte und ich nach dem Besuch einiger Kliniken einsah, dass ich mir sie nicht leisten konnte, war es mein Obst- und Gemüsehändler, der mich mit einem älteren Herrn zusammenbrachte, der ein paar Straßen entfernt wohnte und stundenweise als Hausmeister in einer Tierklinik arbeitete. Als er erfuhr, dass wir Nachbarn waren, erklärte sich sein Chef dazu bereit, die Operation zu einem Preis durchzuführen, den ich zahlen konnte.

Ich habe dies alles in der Vergangenheitsform geschrieben, denn ich habe in den letzten zehn Jahren beobachtet, wie die zersprungenen Krüge von selbst wieder wasserfest wurden. Als Reaktion auf die modernen Anforderungen an Produktivität, angetrieben vom kapitalistischen Wirtschaftsboom und den Geschäftsmöglichkeiten, die er bietet, wurden die zersprungenen Krüge in der Türkei versiegelt. Langsam und auf subtile Weise. Zeit und Geld werden nicht mehr so frei verteilt wie gewohnt, das Land trocknet aus, da es nicht mehr so gewässert wird wie gewohnt, Wildblumen der Hoffnung sind vertrocknet. Die Veränderung war so langsam, dass wir es kaum bemerkten. Die erste Veränderung, die ich bemerkte, war vielleicht, dass die Menschen das Geld annahmen, das ihnen angeboten wurde, wenn sie ihre Magnetkarte im Bus für einen Fremden benutzten. Dann wurde es schwieriger, überhaupt jemanden zu finden, der seine Karte für dich einsetzt, ein langes, peinliches Schweigen entsteht, wenn jemand darum bittet.

Die Veränderungen im traditionellen System des Gebens, hervorgerufen durch die erhöhte Produktivität, waren so subtil, dass all die vielen kleinen Änderungen, die ich bemerkte, jeweils wie belanglose, isolierte Vorfälle erschienen, wenn ich sie aufzählte.

Aber sie summierten sich zu einer Veränderung, die jeder fühlen kann, zumindest in der Atmosphäre der großen Städte.

Je mehr Zeit gemessen, aufgeteilt, gemanaget und organisiert wurde, desto mehr verschwand sie. Die ganze Stadt Istanbul suchte zwischen den Sofakissen nach ein bisschen freier Zeit, die aus Versehen dort hineingerutscht sein könnte. Je sorgsamer sie zugeteilt wurde, desto knapper wurde die Zeit. Die Menschen konnten keine Minute mehr entbehren, um ihren Nachbarn zu helfen, den Abfluss zu reparieren, oder für ein Gespräch mit dem Bakal oder gar für einen Einkauf beim Bakal. Sie gingen lieber in die zeitsparenden Supermärkte, in denen niemand ihre Zeit verschwendete und ihnen von der Katze einer Fremden erzählte.

Und dann … geschah Gezi!

Wir gingen alle in die Parks, liefen auf den Straßen, tranken Tee, atmeten ein wenig Tränengas ein und debattierten gemeinsam, alles andere wurde auf Eis gelegt.

Wenn die Leute mich fragen, was Gezi war, sage ich, dass es für mich die Nachbarn einer großen Stadt waren, die sich alle in einem Park versammelten und ihre Krüge zerbrachen und mit dem Wasser darin die Bäume gossen.

Ein paar Wochen lang kam die Zeit zur Stadt zurück!

Alle geplanten Veranstaltungen wurden auf Eis gelegt, um Zeit zu haben, Raum und finanzielle Ressourcen, um die Nachbarschaften in der Stadt zu nähren, zu schützen, sogar wieder zu erwecken.

Yogakurse wurden in den Parks abgehalten, Besprechungen dienten der Diskussion über das, was in dem Moment geschah, nicht über die festgelegten Tagesordnungspunkte. Die Welt drehte sich trotzdem weiter. Als unsere Nachbarschaft mit zusätzlicher Zeit, Ressourcen und Liebe übergossen (hier im Sinne von aus Kanonen gewässert) wurde, erkannten wir, dass wir alle genug hatten, ja wir hatten sogar so viel, dass wir aus dem Hamsterrad springen und uns auf einen Stuhl an der Straßenecke mit unseren Nachbarn zusammensetzen konnten.

Wir hatten genug zu geben, wir befreiten unsere Schränke von ungenutzten Dingen und verteilten sie in den Parks. Wenn wir Essen einkauften, kauften wir zweimal so viel, um die Nachbarschaft zu ernähren und am Ende des Monats realisierten wir, dass wir viel mehr bekommen als ausgegeben hatten.

Gezi veränderte nicht nur die Zuteilung von Zeit und Ressourcen. Es bewirkte auch eine Veränderung in der Atmosphäre, wir wandelten wieder in einem geweihten Garten und in jedem Menschen, den wir auf der Straße trafen, erkannten wir einen geweihten Gärtner. Die Menschen waren beim Ein- und Aussteigen in der U-Bahn rücksichtsvoller, ein versehentliches Anrempeln auf der Straße führte zu einem Lächeln und herzlich gemeinten Entschuldigungen. Das Lächeln verbreitete sich von einem Gesicht zum nächsten, wir erkannten einander in gesichtslosen Mengen, wir sahen Millionen von Nachbarn, zersprungene Krüge wässerten die geweihte Gemeinschaft und machten sie grüner, mit jedem „verschwendeten“ unverbuchten Tropfen.

Judith Liberman ist Geschichtenerzählerin, lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Istanbul. Den Text aus ihrem Blog A Storyteller in Istanbul habe ich mit ihrer Genehmigung aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

Foto: ©Katja Tongucer

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