Zuckerfest in Istanbul

Paar für Paar reihen sie sich aneinander. Blank polierte Männerschuhe, hochhackige Frauenschuhe und bunte Kinderschuhe in allen Größen sammeln sich im Eingangsbereich der kleinen Dreizimmerwohnung im Istanbuler Stadtteil Bahçelievler. Es ist Zuckerfest.

An Şeker Bayram, einem der höchsten islamischen Feiertage, werden wie jedes Jahr die Großeltern meines Mannes mit dem Besuch der gesamten Familie geehrt.

Fein rausgeputzt, in den schönsten Festtagskleidern trudeln sie am späten Vormittag nacheinander ein. Die Kinder und Kindeskinder und deren Kinder. Straßenschuhe werden mit Terliks, den obligatorischen Hausschuhen getauscht, manch einer bleibt barfuß oder läuft auf Socken. Das gehört sich eben so in türkischen Wohnungen, der Dreck der Straße soll draußen bleiben.

Schon beim Willkommensgruß wird deutlich, dass dies kein gewöhnlicher Besuch ist. An Bayram werden die Älteren von den Jüngeren mit einem Handkuss begrüßt, wobei die Hand zunächst an den Mund und dann zur Stirn geführt wird. Eine eigentümliche Geste für den christlichen Beobachter, ein Gruß aus Tausend und einer Nacht in der ärmlichen Normalität Istanbuls. In der Familie meines Mannes wird diese Geste zum Spiel. Wer küsst wen, wann ist der Enkel alt genug, eines Handkusses würdig zu sein? Es wird gescherzt und gelacht. Man ist froh, sich wieder einmal gesund und munter in die Arme schließen zu können.

Der Tag erreicht seinen ersten Höhepunkt, als das Essen aufgetragen wird. Die Großmutter hat mit Hilfe ihrer Töchter und Schwiegertöchter schon stundenlang in der Küche gewerkelt und Berge von Bayram-Pilav gekocht. Stolz präsentiert sie die riesigen Schüsseln mit dem traditionellen Reisgericht, ruft die Familie zu Tisch. Da es nicht genügend Sitzgelegenheiten gibt, herrscht großes Gedränge. Wer zuerst kommt, kriegt zuerst, kann sich das beste Stück des gekochten Fleischs aussuchen. Es ist ein lange geübtes Ritual. Da haut man dem Tischnachbarn scherzhaft auf die Finger, wenn er sich bedienen will; die inzwischen erwachsenen Enkel krabbeln wie in Kindheitstagen unter dem Tisch hindurch, um dem Cousin oder Onkel das Fleisch vom Teller zu klauen. Die Gespräche erreichen eine Lautstärke, wie sie nur in türkischen Großfamilien zu finden ist. Es ist turbulent, chaotisch, unübersichtlich. Und herzlich.

Während die Männer und Kinder sich um die letzten Krümel balgen, sitzen die Frauen im Nebenzimmer, essen ein paar Happen und ständig springt eine geschäftig auf, um Teller neu zu füllen, abzuwaschen oder Tee zu kochen und zu servieren. Auf einem großen Tablett reihen sich die typischen kleinen Teegläser aneinander, bis zum Rand gefüllt mit dem köstlichen Getränk.

Am Zuckerfest wird nach dem Essen auch Schokolade verteilt, kleine Täfelchen, die gerne in hübsch verpackten Kartons verschenkt werden. Die Kinder nutzen die Gelegenheit und langen nach dem entbehrungsreichen Fastenmonat Ramazan kräftig zu. Immer wieder werden sie von den Verwandten geherzt und geküsst, küssen zurück und lassen die großen Geldscheine, die ihnen zugesteckt werden, schnell in der Tasche verschwinden.

Im Laufe des Tages gesellen sich auch Nachbarn, entfernte Verwandte und Freunde zu der munteren Gruppe, bleiben auf einen kurzen Plausch, trinken ein Glas schwarzen Tee und brechen auf zum nächsten Bayrambesuch. Zeitweise halten sich bis zu dreißig Personen in den kleinen Räumen auf, man rückt zusammen, verteilt sich auf gute Stube, Esszimmer und Balkon.

Nach einigen Stunden kehrt Ruhe ein. Viele Gäste haben sich verabschiedet, sind zur kranken Tante, dem besten Freund oder der Schwiegerfamilie weitergezogen. Die übrig gebliebenen haben sich ein Plätzchen gesucht, um sich auszuruhen, die Beine auszustrecken und das reichhaltige Mahl zu verdauen. Die gläubigen Großeltern nutzen die Gelegenheit zum Gebet, manchmal liest der Großvater aus dem Koran vor, während im ewig laufenden Fernsehgerät ein alter türkischer Heimatfilm über den Bildschirm flimmert.

Auch wir verabschieden uns, gönnen den Kindern noch ein wenig frische Luft und genießen den Flair dieser herrlichen, bizarren Stadt. Wir atmen tief durch, lassen den Tag Revue passieren. Das Lachen und die lauten Gespräche klingen uns noch in den Ohren. Bayram in Istanbul – für uns und unsere Familie immer ein ganz besonderer Tag.

Foto: voyageAnatolia.blogspot.com via photopin cc

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