Mein osmanisches Zimmer

Eines Tages werde ich es haben. Ein Zimmer im osmanischen Stil.

Vor meinem geistigen Auge ist es schon komplett eingerichtet, liebevoll dekoriert mit vielen kleinen und großen Kostbarkeiten, die ich bei jedem Besuch im Großen Basar in Istanbul aufspüre und ins Herz schließe.

Ein Abstecher in den Kapalı Çarşı ist Pflicht, wann immer wir in Istanbul durch das alte Zentrum der Stadt am Goldenen Horn schlendern. Normalerweise betreten wir die Gewölbe des riesigen, überdachten Marktes durch das Portal im Stadtteil Beyazit und gelangen direkt in die Straße der Goldhändler, wo sich Juwelier an Juwelier reiht. Doch die lassen wir schnell links liegen. Ich war noch nie ein Schmuck-Typ und die kleinen, verwinkelten Gässchen abseits der prächtigen Goldstraße, haben viel mehr zu bieten.gedeckter basar
Noch weniger interessieren mich allerdings die typischen Touristenwaren, T-Shirts, Handtaschen oder gar Bauchtanzkostüme. Doch obwohl diese Souvenirlädchen das Bild vieler Bereiche im Basar prägen, so kann man auch noch die traditionelle Aufteilung nach einzelnen Branchen erkennen, die den Straßen auch ihren Namen gaben.

Unser Weg führt uns immer zuerst zu einem kleinen Teppichladen. Dort arbeitet Turgay, ein sehr guter Freund meines Mannes aus der Grundschulzeit, der sich über jeden unserer Besuche freut. Sofort wird der Junge vom Café gegenüber gerufen, der uns flugs leckeren schwarzen Tee in den typischen, kleinen Teegläsern serviert.

Es folgt ein gemütlicher Plausch, wahlweise auf Englisch, Türkisch, Deutsch oder Spanisch. Das Sprachtalent der Basarleute verblüfft mich immer wieder, genau wie das freundliche, nicht geheuchelte Interesse, das sie jedem einzelnen Touristen entgegenbringen. Im Laden bewundere ich die prachtvollen Seidenteppiche und suche mir einen in warmen, rot-braunen Farben aus. Er soll die gemütliche Ecke meines osmanischen Zimmers ausfüllen.

Darauf ausgebreitete, handgearbeitete Kissen, bestickt mit den verspielten Ornamenten der osmanischen Kultur, sollen zum Verweilen einladen. Auch als Wandschmuck könnte ein solcher Kilim zum gewünschten Look beitragen. Ohne Teppich geht es jedenfalls nicht, der gehört dazu, ist zentrales Motiv.

Turgay begleitet uns auch bei jedem Geschäft, das wir im Basar tätigen wollen. Egal ob Rosenöl, Seidenschal oder Schmuckkästchen. Dank seiner Vermittlung sind wir auf der sicheren Seite und bekommen für alles einen sehr guten Preis – und auch gute Qualität, denn längst ist nicht alles nur Nepp im Touristenmagnet der Stadt auf zwei Kontinenten.

Für mein osmanisches Zimmer fehlt mir noch ein großes, bronzenes oder silbernes Tablett mit reliefartigen Verzierungen, das auf einem niedrigen, kunstvoll geschnitzten Gestell als Tisch fungiert und mit Tee und allerlei Knabberzeugs oder Gebäck beladen wird, sobald Gäste sich zu uns gesellen. Das Gestell kann platzsparend zusammengeklappt werden – ein Überbleibsel aus der Vergangenheit des Nomadenvolkes.

Beim weiteren Bummel durch die vielen Handwerksgassen suche ich mir passende Laternen aus, die in allen Farben und Formen angeboten werden: rote, grüne oder gelbe Gläser in bronzenen Fassungen, rund, eckig, gedrechselt, einfarbig oder als buntes Mosaik. Die Auswahl ist so groß, dass ich mich gar nicht entscheiden kann. Dicht an dicht hängen sie von der Decke der kleinen Lädchen, in denen sich die Waren stapeln. An den Wänden stehen Regale, randvoll gefüllt mit kunstvoller Keramik, kleinen und großen Schüsseln, Mokkatassen und Wandtellern, die mit aufwändigen Motiven aus der wechselvollen Geschichte der Metropole bemalt sind.

Besonders gut gefällt mir auch ein altes Schubladenschränkchen, aus dunklem Holz, das ich bei einem Antiquitätenhändler entdecke. Unser alter Samowar vom Krammarkt in Ortaköy – einem idyllischen und sehenswerten Stadtteil am Bosporus – und die Kaffeemühle mit dem Mokkaservice aus Bronze würden darauf sehr dekorativ aussehen. Genau wie die zwei oder drei Wasserpfeifen, die sich mittlerweile in unserem Besitz befinden. Direkt darüber könnte das Zas meines Mannes hängen, der dem Saiteninstrument leider schon lange keine orientalische klingenden Lieder mehr entlockt.

Jetzt fehlt mir nur noch eines: das Zimmer selbst. In unserem derzeitigen Heim ist dafür leider kein Platz. Und so bleibt all das noch ein Traum, der bei jedem Besuch des Basars wieder lebendig wird.

Eines Tages werde ich es aber haben. Das Zimmer im osmanischen Stil. Spätestens dann, wenn wir unseren Altersruhesitz einrichten, im sonnigen Süden unserer zweiten Heimat, der Türkei.

Foto: Shivaranjan via photopin cc

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